Erinnerungskultur in Berlin – Die Brecht-Weigel-Gedenkstätte

 

Nach der ersten Diskussionsrunde über „Das literarische Denkmal“, im Rahmen des Seminars zum Thema „Erinnerungskultur in Berlin“, hatte ich mich sehr auf den Besuch der Brecht-Weigel-Gedenkstätte gefreut. Geschichte zum Anfassen – hautnah erleben zu können, wie einer der größten und einflussreichsten Dramatiker Deutschlands gelebt, gearbeitet, gewohnt und geschlafen hat, klang für mich auf Anhieb spannend. Die Realität allerdings sah dann leider etwas anders aus. Zu Beginn der Führung wurden wir durch ein enges Treppenhaus in den kleineren der zwei Wohnräume Brechts geführt. In schnellem Tempo wurden wir von der Museumsmitarbeiterin mit vielen Hintergrundinformationen zu diesem Raum und natürlich auch zu Bert Brecht versorgt. Den aufkommenden Schwindel, ausgelöst durch das hohe Sprechtempo und den dadurch ausgelösten Overload an Informationen und Eindrücken, hätte man gern in den ungewöhnlich vielen Sitzmöglichkeiten im Raum bekämpft – allerdings galt ein striktes Verbot bezüglich der Berührung jeglicher Möbelstücke. Dies betraf, angefangen bei den Sitzmöbeln, alles bis hin zu jeglichen Teppichen. Auf dieses Verbot wurde auch – um etwaige Missverständnisse bereits im Keim zu ersticken – in jedem einzelnen Raum erneut ausdrücklich hingewiesen.

Schauen Sie sich um, lassen Sie die Aura von Bert Brecht und seiner Frau Helene Weigel auf sich wirken...aber betreten Sie um Himmels Willen nicht die Teppiche!!

Ein weiterer Aspekt, der auf mich durchaus befremdlich wirkte, betrifft das grundlegende Konzept der Gedenkstätte. Es wird sehr großen Wert auf Authentizität gelegt: „Stellen Sie sich vor, wie Brecht in aller Frühe in diesem Sessel gesessen hat, die Sonne in diesen Raum fiel und er bei der Arbeit den Ausblick auf den Friedhof und die Natur genoss. Es ist als hätte Brecht eben erst die Wohnung Richtung Theater verlassen.“ Angenommen, man ist trotz der Up tempo Präsentation dieser Szenerie, seitens der Museumsmitarbeiterin in der Lage, sich auf das Gedankenspiel einzulassen und man kann, mithilfe einer Art Overlay Technik, Brecht durch eigene Gedankenkraft im Raum erscheinen lassen. Für einen Moment hält die Authentizität Einzug und man ist gewillt zu glauben, dass Brecht den Raum in eben diesem Zustand verlassen hat. Man stellt sich also vor, wie er rauchend am Tisch sitzt, umgeben von den Rauchschwaden vorheriger Zigaretten – und schon schwindet die Authentizität, denn derartig weiße Wände sind unmöglich authentisch in der Wohnung eines starken Rauchers. Die Erläuterung „nein, die Wände werden von uns regelmäßig mit neuer weißer Farbe überstrichen ... sonst wären die Wände ja ganz gelb!“ reißt einen aus dem Gedankenspiel heraus. Klar. Gelb. Aber wäre nicht genau das authentisch?  Diese leichte Verwirrung kann noch ein wenig gesteigert werden, wenn das Gespräch auf die Bodendielen gelenkt wird. Diese mussten nämlich ebenfalls vollständig ausgetauscht werden. Die alten waren morsch. In Ordnung, das kann ich nachvollziehen. Aber Moment – lag nicht zu Beginn der Führung der Fokus darauf, dass sich uns der Raum in genau dem Zustand präsentiert, wie Brecht ihn verlassen hat? Stichwort Authentizität!

Trotz aller Kritik, möchte ich dennoch betonen, dass sich der Besuch der Brecht-Weigel-Gedenkstätte durchaus lohnt! Sieht man von den mehr oder weniger kleinen Rissen im Authentizitätsgewand einmal ab, versorgt die Führung den interessierten Besucher mit vielen Hintergrundinformationen über das Ehepaar Helene Weigel und Bert Brecht. Zudem bekommt man einen relativ guten Einblick in die doch recht ungewöhnliche Wohnsituation des Paares. Auch der Aspekt der Erinnerungskultur kommt nicht zu kurz. Die Erinnerung an das außergewöhnliche Künstlerpaar kann durch diese Gedenkstätte auf jeden Fall aufrecht erhalten und für kommende Besucher konserviert werden – wenn auch nicht ganz im Originalzustand...

 

von Katharina Spieckermann