Das Untergeschoss des Jüdischen Museums Berln

 

Treppe runter – kurzes Verharren auf ihrBlick nach oben leerer Raum. Leerer Turm? Ein sogenannter Void. Sinnbild für die leeren Stellen, die der Nationalsozialismus durch die Vertreibung und die Morde an den Juden in Deutschland hinterlassen hat. Treppe weiter runter. Der Boden dunkel. Die Wände hell. Rasches Weitergehen bis zu einer Art Kreuzung. Von hier aus der Blick: nach oben, nach unten? Drei Achsen. Metaphern? Symbolisch für die jüdische Geschichte im Holocaust – im Exil? Sinne werden beansprucht. Gefühle. Wie fühlst du dich? Blicke schweifen über die Achsen. Hinunter? Herauf? Entlang? Schiefe Decke oder schiefer Boden? Lange Achse der Kontinuitätverbunden mit den beiden anderen Achsen – Achse des Exils und Achse des Holocaust. Erklärung und Interpretation schaffen Verständnis. In Ruhe die Achsen entlang blicken. Daraufhin diese Achsen erfahrenentlang gehen. Schräger Boden. Prozentuale Neigung, prozentuale Steigung des Bodens. Decke doch gerade, optisch bleibt sie schräg. Die eigenwillige Architektur dieses Kellergeschosses: konsequent! Didaktisch? Sie erzählt die Geschichte des Judentums während des Nationalsozialismus.

Achse der Kontinuität. Sie führt in die Dauerausstellung. Auch hier, alles perfekt durchdacht. Die Dauerausstellung zeigt die Geschichte des Judentums in Deutschland von den ersten Aufzeichnungen im frühen Mittelalter bis heute. Kontinuierlich. Kontinuität.

An den Wänden des Kellergeschosses stehen die Namen vieler Städte. In der Nähe des Eingangs – mit dem Beginn des Nationalsozialismus gleichzusetzensind es noch Namen von Städten in den Nachbarländern Deutschlands. Mit dem Fortschreiten, dargestellt durch eine Art Zeitachse, fliehen die Juden an immer exotischere Orte. Weit von der Heimat entfernte Städte. In unbekannte Kulturen und Kulturkreise. Der Weg des Exils.

Achse des Exils. Ein Licht am Ende des Tunnels. Darauf zugehenes wird eng. Boden und Decke laufen aufeinander zu. Garten des Exils. Aufstoßen der schweren Tür. Und draußen? Neunundvierzig Massive quaderförmige Steinsäulen ragen bedrohlich und einschüchternd empor. In regelmäßigen Abständen, auf der quadratischen, ummauerten Fläche angeordnet. Bäumchen – weit oben auf die Säulen gepflanzt. Warum? Wurzeln, die den Boden niemals berühren: Exil, keine neue Heimat. Zwischen den Säulen hindurch. Kleine quadratische Pflastersteine bilden den Untergrund. Uneben. Steinig. Unsicheres Gehen. Auch hier: Boden steigt. Beschwerlicher Weg. Ein gefühltes Labyrinth aus Steinsäulen. Steinsäulen wie Hindernisse. Hindernisse, die den Weg versperren, die dazu zwingen, die Richtung zu ändern. Kein gerader Weg, kein geradeaus. Keine Sicherheit. Das Gefühl des Exils zum Anfassen. Zum Nachleben. Geht das? Durchgekämpfteine Mauer. Eine einzige Mauer trennt von der Welt außerhalb. Der Blick überwindet sie, der Körper nicht. Metaphorisch: Die mentale Mauer des Exils? Exilanten haben es über die Mauer geschafftin ein anderes Land. Doch der Schrecken folgte ins Exil – die Erinnerung an Verlust, an Angst. Der anhaltende Schmerz, die anhaltende Trauer. Architektonischer Trick: Sieht man über die Mauer, wirken Gebäude außerhalb schief. Subjektive Wahrnehmung: schräger Boden im Garten des Exils. Symbol für den Blick der Exilanten: Die neue Welt wirkt einfach nicht richtig?

Raus aus dem Garten. Drinnen: Weg zur Achse des Holocaust. Entlang der Achse wird es immer düsterer. Am Ende des Ganges ebenfalls eine massive Tür. Die Wirkung: bedrohlich. Durch die Tür hindurch betritt man eine andere Welt. Asymmetrisch geschnittener Raum. Der Holocaust-Turm. Mit dem Rücken zur Tür, erst einmal einfühlen. Kälte. Nichts. Alles grauer Sichtbeton. Die Decke nur schwer zu erkennen. Leere. Raum lässt an Gaskammer denken. Erinnert dann doch eher an eine Gefängniszelle. Die einzige Lichtquelle: schmaler Schlitz hoch oben in einer der Ecken. Stille. Gedanken an die Opfer des Nationalsozialismus. Unwiderstehliche Anziehungskraft des schmalen Lichtschlitzes in einer der Ecken. Motten ins Licht. An einer Wand ist eine Rettungsleiter angebracht. Doch viel zu hoch, als dass man sie alleine erreichen könnte. Würde sie denn überhaupt zur Flucht verhelfen. Treppe ins Nichts? Ein grausamer Scherz? Eine weitere Verhöhnung der Gefangenen? Nein. Die Existenz dieser Leiter hat eine ganz profane Begründung eine bürokratische. Ernüchterung. Bürokratie wirkt an dieser Stelle einfach lächerlich. In Deutschland braucht ein jeder Raum eine Notbeleuchtung. Diese Leiter führt zu eben solch einer Notglühbirne. Doch ein jeder Besucher interpretiert diese Leiter ungefähr gleich.

Kein langes Ausharren in solch einer lebensfeindlichen Umgebung. Am Ende erneutes Versammeln am Schnittpunkt der drei Achsen. Ein kurzes Gespräch über diese neue Erfahrung. Um all das Begreifen zu können, werden einige Tage Nachdenken nötig sein. Erstmal alles sacken lassen.

Bereits das Kellergeschoss des Jüdischen Museum Berlin ist ein Kunstwerk für sich. Die Architektur Daniel Liebeskinds ist beeindruckend. Sie interpretiert und setzt die Geschichte der Juden Berlins, Deutschlands, Europas in einen gesamtumfassenden architektonischen Kontext. Mit der Nüchternheit des Sichtbetons, den Leerräumen, den sogenannten Voids und dem Konzept mit den schiefen Böden und Decken oder auch mit Licht und Dunkelheit gelingt es ihm, ohne Worte die Geschichte der Juden zu erzählen. Lässt man sich darauf ein, erfährt man viel mehr, als man sich hätte träumen lassen.

 


von Jennifer Geiges-Rosenbaum