LuM Berlinaufenthalteine kleine Erlebnisgeschichte zu meinem Geschichtserlebnis in Berlin

 

"Geschichte". Dieser Begriff an sich umschreibt etwas Vergangenes, etwas nicht mehr Existierendes. Etwas, das man aber trotzdem versucht präsent zu halten. Unsere Gruppe des Studiengangs Literatur und Medienpraxis ist nach Berlin gereist, um  die verschiedenen Dimensionen kennenzulernen, in denen Geschichte erhalten und weiter transportiert wird. Allein die Erhaltung stellt häufig schon ein Problem dar. Aus vielen Epochen und von vielen Völkern, besonders wenn deren Existenszeiträume mehrere tausend Jahre zurück liegen, sind heute kaum noch sichtbare Überbleibsel vorhanden. Bestes Beispiel ist wohl das hellenische Meisterwerk des Pergamonaltars, von dem lediglich Fragmente übergeblieben sind. Und das, was übergeblieben ist, ist für den Laien meist schwer auszuwerten.

Ich bin ganz ohne Untertreibung ein Laie. Und so habe ich mich auf der Berlinfahrt zum ersten Mal häufiger gefragt: Was wäre Geschichte wert, ohne Erklärung, wie viel bringt die Besichtigung von Überbleibseln ohne Vorkenntnisse? Wie viel kann man auch dem Laien anhand weniger Spuren überhaupt im Nachhinein noch von einer Geschichte erklären und sichtbar machen? Und in welchen verschiedenen Dimensionen und über welche Sinnesorgane wird Geschichte unterschiedlich gut transportiert?

Solche Fragen stellen wir uns heute gewöhnlich sehr selten bis gar nicht. Meist bekommt man Geschichte abgepackt präsentiert, fast wie ein Fertigprodukt, das man aufnimmt, ohne sich wirklich Gedanken über die Art und Weise der Herstellung zu machen. Das häufigste Format, in dem Geschichte präsentiert wird, ist der gewöhnliche Text. Wie viele Geschichtsbücher habe ich in meiner Schulzeit durchgearbeitet und doch vergleichsweise wenig davon behalten. Man liest Geschichte, erfährt sie somit über den Sehsinn, und versucht sich Bilder ein seinem Kopf zu machen, von Dingen, die man natürlich noch nie wirklich gesehen hat. Ähnlich geht es mir bei Filmen, die mir, ebenfalls auf dieser Sinnesebene, sowie der akustischen, Geschichte nacherzählen können, aber trotzdem nur bedingt nachhaltige Eindrücke zu verschaffen vermögen. Auch Bilder, Skulpturen und Städtebau versuchen uns häufig das Vergangene näher bringen, doch auch das ist, rein über den visuellen Weg, für mich oft ein statisches Erlebnis.

Vielleicht habe ich deswegen eines Tages entschieden Literatur zu studieren, da ich oft erst über die sehr persönlichen und individuellen Gedanken von einzelnen Autoren ein sehr viel nachhaltigeres Verständnis von Geschichte mitbekommen habe. (Dank der berühmten kontextorientierten Ansätze in der Literaturlehre oder der rezeptionsgeschichtlichtlichen Lehre habe ich nie nur einen einzelnen Text für sich lesen müssen sondern immer auch über die Gegebenheiten um die Autor-Text-Synergie herum erfahren dürfen.) Was also meinen Anspruch an Museen angeht, so empfinde ich Geschichte umso eindrucksvoller und nachhaltiger, wenn sie auch andere Sinnesorgane als nur das Visuelle anspricht. 

Um ehrlich zu sein habe ich jedoch tatsächlich aus Geiz nur selten zuvor ein Museum mit einer Führung besucht. Maximal habe ich mir zusätzlich einen Audioguide geleistet, wenn er nicht ohnehin schon im Eintrittspreis inbegriffen war. Doch erst die Berlinreise hat mir gezeigt wie unglaublich hoch der Mehrwert einer professionellen Führung ist.

Eine gute und kompetente Museumsführung, die Geschichte 'erzählt', hilft die Reizüberflutung zu kanalisieren: Das bekannte Gefühl, das sich einstellt, wenn man einen Raum betritt und überwältigt, wenn nicht gar überfordert ist, von all dem Fremden, das man sieht, das man zu verstehen versucht. Die fremde Stimme eines Tourguides im Ohr, der einem hilft Informationen einzuordnen, ihnen Prioritäten zu geben, das Interessanteste zu behalten, kann einem ein Museum dann zugänglicher machen. Denn, man kann zwar alle möglichen Gegenstände, Dinge, Bilder und Skulpturen sehen, aber – Hand aufs Herz – meist fällt uns deren Auswertung trotzdem recht schwer. Gerade dann, (aber auch nicht nur) wenn man sich an eine bestimmte Geschichte ohne viele Vorkenntnisse heranpirscht. 

Zum ersten Mal fällt mir dies im kleinen Arbeitszimmer von Bertolt Brechts Anwesen in Berlin auf. Als Literaturstudentin mangelt es hier zumindest an Vorkenntnissen nicht, doch ganz ehrlich, hatte ich von diesem Besuch nicht viel erwartet. Was können denn schon ein paar alte Bücher an einem verlassenen Ort über eine bestimmte Person in einer bestimmten Zeit aussagen? Man knatscht sich also als Besucher über die Holzdielen durch die einzelnen Räumlichkeiten des guten alten Brecht, man sieht mit eigenen Augen das Brechtsche Bett und gar den Brechtschen Nachttopf. So so.„Und was sagt mir das?" frage ich mich am Anfang. Doch auch hier ergibt sich durch die Führung bald auf ganz eigene Art eine ein gewisser Mehrwert. Eine sehr enthusiastische junge Frau führt uns durch die Räumlichkeiten und nahezu alles erscheint wie in einem Bilderbuch. Brechts Leben, sein Schaffen, seine Eigenarten, seine schwierige Exilzeit, selbst seine Fauxpas werden von der sympathischen Dame irgendwie magisch erzählt und dargestellt. Doch sobald ich herausgehe und diesen faszinierenden Ort verlasse, stelle ich mir auf einmal Fragen, die mir vorher nie in den Sinn kamen: Was hätte der politisch so interessierte Brecht und sein unangefochtenes Genie mit meinem heutigen Bildungshintergrund von ehelicher Untreue, von unnötigen Auto-Abgas-Emissionen durch die Benutzung von Sportwägen und von der Finanzkrise in der EU gehalten. Hätte es eine Mutter Courage der EU-Krise gegeben?

Vielleicht – oder sicherlich – kommt das Geschichtserlebnis nicht nur auf die persönliche Wahrnehmung an, sondern ein Stück weit auch immer auf die Art der Geschichte selbst. Manchmal braucht es auch andere Wege, um einem Zugang zu verschaffen. Im Fall der Volksgeschichte der Juden ist dies etwas Besonderes. Im Jüdischen Museum zu Berlin geht es einerseits um die Geschichte eines Volkes, die über viele Jahrtausende, -hunderte, -zehnte vergangen, im Sinne von verloren gegangen ist. Im oberen Teil des Jüdischen Museums zu Berlin geht es eben um diesen Teil der Geschichte des Judentums; seine historische Verbreitung, seine Tradition und seine kulturelle Identität.

Von der Jüdischen Geschichte speziell in Deutschland jedoch, und diese bildet das 'andererseits', sind aus offensichtlichen Gründen kaum Überbleibsel da. Hier wurde versucht, Geschichte und Tradition systematisch zu zerstören. Und dies bis zu einem Punkt, an dem die Zerstörung selbst Teil dieser Geschichte geworden ist. Wie kann man Zerstörung ausreichend sichtbar machen und möglichst effektiv an die Menschen heranbringen? Ich bin völlig ohne Erwartungshaltung in dieses Museum spaziert und hätte nie gedacht, dass ich Geschichte je so eindrucksvoll und auf unbehagliche Weise sogar kreativ erfahren würde.

Im gesamten unteren Teil des Jüdischen Museums sind nur wenige Dinge, die man noch konservieren konnte, ausgestellt. Ein paar alte Armbinden, mit dem so bekannten Sternsymbol, einzelne vergilbte Fotos oder Texte aus Tagebüchern. Und doch erfährt man im Keller des Jüdischen Museums erstaunlich viel. Diese Erfahrung, das Erlebnis von Geschichte, geschieht hier auf subtilere und doch so viel klarere und deutlichere Art und Weise, so erscheint es.

Zunächst gelangt man über einen strahlend hellen Eingang und weite, hohe Räumlichkeiten zu einem relativ schmalen Treppenabgang. Auf einmal wird es dunkler, die Wände sind grau, die Decken und der Fußboden ebenfalls. In die Wände eingelassen sind Vitrinen mit getönten Scheiben, in denen auf schwarzem Hintergrund die wenigen Erinnerungsobjekte aufgestellt sind. Man streicht die Gänge entlang und gelangt in weitere Gänge, vorbei an verborgenen und unzugänglichen Ecken und Leer-Räumen. Überhaupt scheint alles irgendwie erstaunlich leer. Man bemerkt zunächst, dass eigentlich recht wenig da ist. "Viele offene Fragen", so heißt es auf der Internetseite selbst, und wenige Erklärungen begegnen dem Besucher im Jüdischen Museum.

Und doch hat man nicht das Gefühl, dass an Erklärung etwas fehlt. Man spürt: Es ist einfach  mehr da, als man mit bloßen Augen sehen kann. Es ist eben diese Leere, das Kahle und das Graue und die offenen Fragen selbst, die die Protagonisten in dieser Ausstellung sind.

Der Tourguide erklärt Hintergründe zur Architektur. Das Genie des Libeskind, der Streich des Meisters, seine Beweggründe, all dies exakt so anzulegen, wie es ist. Asymmetrie, Gefälle und Neigung, Leere und Dunkelheit. Was jedoch keiner Erklärung bedarf, was jeder für sich selbst in der Lage ist zu erfahren, ist das Gefühl, das sich einstellt, je weiter man in die Tiefen und Höhen dieses Gebäudes eindringt. Draußen in der totalen Schräglage des 'Garten' des Exils, wie auch drinnen im düsteren und asymmetrisch orientierten Holocaust-Turm wird dem Besucher lediglich gesagt: "Achtet darauf wie ihr euch fühlt".

Jedes Individuum, so möchte ich meinen, empfindet anders und doch gibt es Wahrnehmungen die jeder teilt, und die vielleicht gerade deshalb auch nicht mehr erklärt werden müssen. In Gängen zu laufen, die in den in Europa höchstzulässigen Neigungswinkeln angelegt sind, sorgt bei jedem für Unbehagen. Die absichtlich angelegte und ausgestellte Leere, aber auch die versteckte Leere und Kälte der in den Wänden verborgenen 'Voids', hinterlässt bei jedem Menschen eine Art von Beklemmung. Die Zerstörung der Geschichte bekommt in der Architektur des Gebäudes eine greifbare Gestalt. 

Auf einmal ergibt sich ein großes Ganzes, die Architektur selbst schafft der Geschichte eine neue Dimension des Erfahrens. Man kann hier, im Jüdischen Museum in Berlin, Geschichte nicht nur sehen oder hören, man spürt sie und dies ohne großen Erklärungsbedarf. Man erlebt sie gar ein Stück nach.

Jedes Mal ist Geschichte eindrucksvoll und hinterlässt Inspirationen, und wenn es auch in Form von kritischer Distanz geschieht. Jedes Mal wird das, was verloren gegangen ist, teilweise wiedergefunden, anderen teils nachgestellt, und im besten Fall von einer anderen Person aufbereitet, erklärt und veranschaulicht, so dass einem das eigene Heranpirschen vereinfacht wird. Dieses Heranpirschen an das Fremde und Vergangene, ist das, was erst wirklich unser persönliches Geschichts-Erlebnis beeinflusst, und auch unseren nachhaltigen Eindruck und Lerneffekt. Es geht meiner Meinung genau darum, und um die verschiedenen Sinnesebenen über welche dies geschieht. Und mir scheint es: je mehr Sinnesebenen, desto besser. Dinge zu sehen ist für mich gut, Dinge durch die Augen andere Leute zu sehen und deren Erklärungen hören ist doppelt gut. Eine neue Dimension für Geschichte zu erkunden, wie beispielsweise eine bestimmte Architektur, setzt dem Erlebnis die Krone auf. Ich erhalte Zugang zu dem Vergangenen und jeder Weg oder jede dieser Dimensionen dient als eine Art leitende Hand inmitten von tausenden, scheinbar undurchsichtigen und unerklärlichen Daten, Fakten und Artefakten. Danke für das gesamte Berlin-Erlebnis!

 

von Dinah Bronner