Ein Aufkleber auf UmwegenVorschlag für ein Exponat im Museum der unerhörten Dinge


Auf dem Bein eines Stuhls in einem Balzac Coffee in Berlin Prenzlauer Berg klebt ein mysteriöser Aufkleber. Er ist rot, in der Mitte ist ein gezacktes weißes, blitzartiges Ornament zu finden. Am Rand des Aufklebers befinden sich ringsherum weiße Dreiecke, auf der einen Seite sind sie klein, so dass man genau erkennen kann, dass es sich dabei um Dreiecke handelt. Zur anderen Seite hin vergrößern sie sich, sodass sie ineinander übergehen, wodurch sie nicht mehr eindeutig als Dreiecke identifizierbar sind. Ein Blick durch das Café verdeutlicht: Dieser Stuhl ist der Einzige, der beklebt ist. Alle anderen sind „unversehrt“. Was ist das für ein Aufkleber, und wie ist er dort hingekommen?

Eine Gruppe von Studentinnen der Universität Duisburg-Essen hatte sich auf eine Exkursion nach Berlin begeben. Thema dieser Studienfahrt war ‚Stadt als Archiv‘. Hierzu besuchten sie verschiedene Orte der Erinnerungskultur. Sie liefen über Friedhöfe, um die Gräber berühmter Persönlichkeiten zu sehen, besuchten Denkmäler und Museen, Archive und Wohnhäuser berühmter Literaten. Ebenso stand der ein oder andere Theaterbesuch auf der Agenda der kulturinteressierten Studentinnen. Die Fahrt schulte ihren geschichtskritischen Blick und war eine neue Art, Städte zu besuchen und Museen zu betrachten. Die letzte offizielle Station des Ausflugs war das Jüdische Museum. Dort erhielten die Studentinnen eine Architektur-Führung. Nach der darauffolgenden Abschlussdiskussion trennten sich die Wege der Gruppenmitglieder. Drei der jungen Frauen gingen anschließend in das Restaurant China City, um dort etwas zu essen. Im Restaurant amüsierten sich die Drei darüber, dass dort vegetarische Ente im Angebot war. Eine von ihnen behielt auch nach der Führung den Aufkleber, den sie im Jüdischen Museum erhalten hatten, um sich dort als Führungsteilnehmer auszuweisen, weiter an ihrer Strickjacke. Inzwischen hatte dieser Hinweis sich allerdings an die Tasche ihrer Freundin geheftet, wie er da hingelangt war, ist unklar. Nach dem Restaurantbesuch war der Aufkleber allerdings auch nicht mehr dort. Er klebte bereits an der Jacke eines Kindes, das am Nebentisch sitzen sollte, jedoch lieber durch die Gegend lief und dabei über die Tasche gestolpert war. Das aufgeweckte Kind verließ nach den Studentinnen das Restaurant und ging mit seiner Familie in den Park. Dort entdeckte es einen betagten Dackel, mit dem es gerne spielen wollte. Allerdings hatte der altersschwache Hund keine Lust darauf – streicheln ließ er sich dennoch. Der Aufkleber suchte sich dabei seinen Weg auf den Pullover des Dackels, den seine Besitzerin eigens für ihren geliebten Hund gestickt hatte. Erneut hatte der Aufkleber seinen Besitzer gewechselt. Zwei Tage später verstarb der Hund. Seine Besitzerin, eine nette ältere Dame, konnte den Verlust nicht so einfach verkraften. Sie wünschte sich dennoch, dass die vielen liebevoll von ihr gestrickten und genähten Pullover nicht einfach in einer Kiste landeten. Einen neuen Hund wollte sie sich nicht anschaffen, der Schmerz war noch zu groß. So verkaufte sie die Sachen ihres Hundes mit anderen Gegenständen, von denen sie sich trennen wollte, auf einem Sonntagflohmarkt in Berlin Friedrichshain. Dieser Sonntag war auch der Abreisetag der Studentinnen. Einige von ihnen nutzen den letzten Tag, um noch ein wenig von der Hauptstadt zu sehen. So begaben sich fünf von ihnen auf den Flohmarkt in Friedrichshain. Darunter war auch die Studentin, die den Aufkleber ursprünglich an ihrer Strickjacke hatte. Und wie es der Zufall so wollte, entdeckte sie beim Schlendern über den Markt den Stand der Rentnerin. Sie war begeistert von den handgestrickten Sachen und erstand einen von Heinrichs – so hieß der Dackel – Pullovern für den Hund ihrer Tante. Erst am Bahnhof sah sie den Aufkleber auf dem neu gekauften Hunde-Pullover und beschloss, dass der Aufkleber in Berlin bleiben sollte. Sie klebte ihn unbemerkt auf den Rücken eines Passanten. Der junge Mann war mit seiner Schwester in einem Café verabredet. Als er dort ankam, saß sie schon an einem Tisch für zwei. Er hängte seine Jacke über die Rückenlehne des Stuhls gegenüber seiner Schwester. Nach zwei Stunden verließen die beiden das Café, aber ohne den Aufkleber – der war am Bein des Stuhls kleben geblieben. Dort war nun auf rotem Hintergrund der weiße Umriss des Jüdischen Museums zu sehen. Zwei Tage später war der Stuhl jedoch frei von dem Aufkleber. Vermutlich klebt er am Schuh eines Arztes oder an der Jacke einer Künstlerin.

 

von Nesrin Akcakoca