Grüne Vera


Die Grüne Vera (lat. vera viresca), auch tinctura salamandra vidris lurchi genannt (nach ihrem Hauptinhaltsstoff, dem grünen Gummisalamander) ist eine Tinktur, die mittels Mazeration oder Perkolation aus tierischen Materien hergestellt wird. Durch englische Ethnologen kam die Tinktur nach Europa und wurde dort als Wundermittel gegen Akne und andere Hautkrankheiten gehandelt. Die Annahme ihrer Wirksamkeit beruht auf dem melanesischen Volksglauben, dass der Extrakt des salamandra vidris lurchi (gemeiner grüner Gummisalamander, hauptsächliches Vorkommen in Papua-Neuguinea und Teilen Indonesiens) den Symptomen der Salamanderkrankheit (lat. mutitis amphibialis) vorbeugt. Hierbei handelt es sich um eine hochinfektiöse Kinderkrankheit, welche wiederum nur in den Inselstaaten Papua-Neuguinea und Indonesien verbreitet ist und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast gänzlich ausgerottet werden konnte. Typische Symptome der Salamanderkrankheit sind Untertemperatur, grüne und braune Exantheme (Hautflecken), trocken-warzige Haut, eine schrittweise Abflachung des Schädels sowie in seltenen Fällen eine Verlängerung der Zunge. Die Veränderungen der Haut und des Schädels heilen selten wieder völlig ab, Narben bleiben meist zurück.

In klinischen Studien konnte nicht nachgewiesen werden, dass eine aus dem grünen Gummisalamander gefertigte Tinktur, wie die Grüne Vera, eine Infektion mit dem Rotovirus 51b69, welches die Salamanderkrankheit auslöst, verhindern oder gar andere Krankheiten lindern konnte. Nichtsdestotrotz wurde die Grüne Vera zu einem Treppenwitz der Medizingeschichte. Lewis Hert William, englischer Mediziner und Biologe, der Ende des 19. Jahrhunderts den Volksglauben an die Grüne Vera entzaubern wollte, holte zu diesem Zweck mehrere Exemplare des grünen Gummisalamanders nach Großbritannien und mit ihnen das Rotovirus 51b69. So stellte sich der Salamander als ursprünglicher Träger des Virus heraus, der durch seinen zurückgelassenen Speichel an Grünpflanzen die Krankheit an den Menschen übertrug. Zwar erkrankten zwei Laborangestellte, die mit der Pflege der Salamander beauftragt waren, doch konnte eine weitere Ausbreitung verhindert werden. Letztendlich aber erbrachte Lewis Hert William, entgegen seiner ursprünglichen Intention, den Beweis, dass der Salamander durchaus die Lösung zum Problem der Salamanderkrankheit war, wenn auch nicht durch die Grüne Vera.

Das auslösende Virus 51b69 wurde, bedingt durch seine enorme Größe, fälschlicherweise zuerst für ein amphibiales Mutationsgeschwür gehalten und deshalb nie als Auslöser in Betracht gezogen. Bei einer Infektion vergrößern sich die Viren, indem sie sich am Stoffwechsel des Wirtskörpers beteiligen, derart, dass die entstehenden Beulen an geschwollene Lymphknoten erinnern. Erst 1879 konnte durch Lewis Hert William der Nachweis erbracht werden, dass es sich um ein Virus handelt, das paarweise in den Wirtskörper eindringt und sich dort unaufhaltsam vergrößert. Es ist das bisher größte nachgewiesene Virus. Eine Vermehrung erfolgt über sporenartige Zöglinge, die über den Speichel des Wirts verbreitet werden. D. D. Dwight Murenberg (1839-1927) gelang es Ende des 19. Jahrhunderts, im Zuge der ersten nationalen Impfprogramme, einen Impfstoff gegen die Salamanderkrankheit zu generieren. Da die Generierung eines Impfstoffes mit Lebendviren, aufgrund der schieren Größe des Virus nicht möglich war, erfolgt eine Impfung mit Bruchstücken des Rotovirus als Totimpfstoff. Dabei werden die, über die Zeit an der Luft versteinernden, Viren im Labor zertrümmert und in einer Schluckimpfung verabreicht.

Das hier ausgestellte Arzneifläschchen ist ein Exemplar der ersten in Europa hergestellten Tranche der Grünen Vera, die von englischen Badern feilgeboten wurde. Bedauerlicherweise ist die medizinische Etikettierung nicht erhalten geblieben. Anhand der Inhaltsstoffe konnte jedoch zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass es sich bei dem Inhalt um eine Probe der Grünen Vera handelt.

 

von Katharina Hoffmann