Die Neue Wache: Beispiel der Denkmaldebatte in Berlin


Es ist ein kalter Tag im Winter, Berlin ist von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Wie immer sind viele Touristen in der Hauptstadt unterwegs. Die meisten haben mehr oder weniger das gleiche Programm: Reichstag, Museumsinsel, Holocaust-Mahnmal, East Side Gallery, Bernauer Strasse, es sind die bekannteren Orte Berlins. Nach der Besichtigung des Brandenburger Tors liegt für viele die Neue Wache auf dem Weg. Es ist kalt, die Gruppen verweilen nicht lange in dem dunklen, viereckigen Raum des Denkmals. Eine Schulklasse hört gelangweilt ihrer Lehrerin zu, die versucht, etwas  über die Plastik von Käthe Kollwitz zu erklären, die inmitten der Neue Wache platziert ist. Keine fünf Minuten nachdem sie hereingegangen sind, verlassen sie den Raum. Ob Seniorengruppen, Pärchen, Deutsche, Ausländer, Studenten oder Familien: Fast keine Gruppe bleibt viel länger als die Schulklasse. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Symbolik und Aussage eines Denkmals wie die der Neuen Wache von seinen Besuchern wahrgenommen wird. Wissen die Besucher, dass die Gestaltung der Neuen Wache zu einer Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft eine große Debatte auslöste? Wissen sie, dass die Skulptur in der Mitte im Original nur 38 Zentimeter misst? Wissen sie überhaupt, dass es eine Originalvorlage gab?

Das wissen die wenigsten. Deshalb folgt nun ein kurzer Blick in die interessante und teils kontroverse Geschichte der Neuen Wache mit ihrer jetzigen Funktion als Denkmal.

In den verschiedenen Funktionen, die die Neue Wache seit ihrem Bau 1818 inne hatte, kann man die verschiedenen Phasen, die auch Berlin seitdem durchlebt hat, gut erkennen. Als Wachlokal von Schinkel entworfen, sollte die Neue Wache zunächst als Siegessymbol dienen, um der Napoleonkriege zu gedenken. 100 Jahre später verliert die Wache ihre militärische Funktion und 1927 wird sie zu einem Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Die Nationalsozialisten setzen die Neue Wache dann als Ehrendenkmal zur Unterstützung des Heldengedenktages ein. Das ursprüngliche Schinkelgebäude übersteht die Kriegszeit nicht unversehrt; es wird 1945 durch eine Bombe zerstört. 1956 beschließt der Ost-Berliner Magistrat, die Neue Wache zu rekonstruieren und als Mahnmal für die Opfer des Faschismus und der beiden Weltkriege zu nutzen. Nach der Wiedervereinigung entscheidet Bundeskanzler Kohl, das Mahnmal als solches zu behalten. Es scheint zunächst eine gute Idee, sie wirft jedoch verschiedene Fragen auf, die teilweise mit der komplexen Geschichte des deutschen Gedenkens zusammenhängen. Die deutsche Regierung und Gesellschaft sahen zwar die Notwendigkeit, des Krieges und der Opfer zu gedenken, allerdings fanden sich Schwierigkeiten in der Umsetzung. Am Beispiel der Neuen Wache wird deutlich, wo die Schwierigkeiten lagen und wie damit umgegangen wurde.

Die Inskription, die die Neue Wache trägt, ist den ‚Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft‘ gewidmet. Es ist die Mehrdeutigkeit des Begriffs ‚Opfer‘, die diese Widmung in den 50er Jahren zum Streitpunkt machte, denn es kann sowohl ‚Opfer sein‘ als auch ‚Opfer bringen‘ bedeuten. Ein Wandel in der Begrifflichkeit hat sich nach dem Ersten Weltkrieg durchgesetzt. Hat der Begriff zur Zeit des ersten Weltkrieges noch die Bedeutung von ‚Opfer bringen‘ beinhaltet, da sich viele Soldaten opferten und für das Vaterland starben, wird das Wort ‚Opfer‘ heute, nach dem Zweiten Weltkrieg, anders interpretiert. So reden wir bei dem Wort ‚Opfer‘ heute von denjenigen Opfern, die kein Opfer erbracht haben, sondern zum Opfer geworden sind. Da die Neue Wache nach dem Ersten Weltkrieg aber als Mahnmal für die Opfer dieses Krieges fungierte und mit dem Widmungstext versehen wurde, war also die Rede von Opfern, im Sinne von erbrachten Opfern. Aus diesem Grund haben viele Kritiker den Widmungstext, der in den 50er Jahren erneut als Inskription gewählt wurde, abgelehnt. Mit Bezug auf die Neue Wache sagt der Historiker Reinhart Koselleck, einer der größten Kritiker: „Den rund sechs Millionen hingemordeter Juden steht in etwa die gleiche Zahl an gefallenen Soldaten gegenüber. Aber nun werden allesamt als Opfer ein und derselben, der sogenannten Gewaltherrschaft rubriziert.“ Täter und Opfer werden sozusagen gleichgestellt, was, unter anderem laut Koselleck, die Inskription unzulässig macht. Doch trotz dieser Diskussionen und Kritik, heute ist die diese Inskription an der Neuen Wache zu lesen. Allerdings auf einem kleinen Brett außerhalb des Gebäudes, einen prominenten Platz hat sie nicht bekommen.

Nicht nur der Widmungstext löste eine große Debatte aus. Auch die Skulptur ‚Mutter mit totem Sohn‘, die in der Mitte der Neuen Wache platziert ist, wurde heftig diskutiert. Es handelt sich um eine Skulptur, die ursprünglich von der Künstlerin Käthe Kollwitz gefertigt worden war. Im Original ist das Werk 38 Zentimeter hoch und zeigt eine nachsinnende Mutter. Das Exemplar, welches in der Neuen Wache zu sehen ist, ist eine Vergrößerung auf 152 Zentimeter. Diese Idee kam, ebenso wie der Widmungstext, von Seiten des Bundeskanzlers Helmut Kohl. Kohl wurde daraufhin von zwei Seiten angegriffen. Einerseits galt die Kritik der symbolischen Aussage versus der realistischen Aussage des Werkes. Zweitens rührte sich die Akademie der Künste, die vor allem Schwierigkeiten mit der Vergrößerung des Originals hatten.

Jeder, der schon einmal in Rom gewesen ist und dort die Pietà von Michelangelo gesehen hat, wird feststellen, dass die Skulptur in der Neuen Wache viele Ähnlichkeiten mit dieser Pietà aufweist. Obwohl die Skulptur ‚Mutter mit totem Sohn‘ heisst, erkennt man darin schnell das christliche Symbol der Pietà, die in der bildenden Kunst Maria mit dem toten Jesus Christus darstellt. Die Pietà verspricht im christlichen Sinne die Auferstehung des Erlösers Christus. Für Kritiker ist es problematisch, die Pietà respektive die Kollwitz-Skulptur als Symbol der Erinnerung im Kontext des Zweiten Weltkrieges zu nutzen. Denn der gefallene Sohn, um den die Mutter trauert, wird genauso wenig aufstehen wie die christliche Symbolik auf die Thematik des Zweiten Weltkrieges zu übertragen ist. Als Käthe Kollwitz ihre Skulptur 1937 schuf, tat sie das vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges. Sie hatte ihren Sohn verloren, der sich freiwillig als Soldat gemeldet hatte. Kollwitz versinnbildlicht mit ihrem Werk das Leid der Hinterbliebenen. Es sind jedoch nicht nur Söhne gestorben, sondern auch Frauen, Männer und Töchter. Da die Kollwitz-Skulptur aber nur die trauernde und überlebende Mutter darstellt, wird die Frau als Opfergruppe von der Betrachtung völlig ausgeschlossen.

Außerdem, so die Kritiker, symbolisiert die Plastik gerade auch nicht die ermordeten Juden, sondern eine Mutter, die um den Tod ihres Sohns trauert, der im Krieg sein Leben opferte und damit auch noch als Erlöser dargestellt wird. Kritiker behaupten, dass durch diese christlichen Bezüge sogar gerade die Juden vom Gedenken ausgeschlossen werden, geht es bei dieser Skulptur doch schließlich um den gefallenen Soldat. Deswegen sei, laut vielen Gegnern, das Werk Kollwitz, von ihrer Entstehungsgeschichte aus betrachtet, als Gedenkstätte auch für die Opfer des Zweiten Weltkrieges nicht geeignet.

Ganz andere Kritik kam von Seiten der Kunstwelt. Nach Ansicht der Akademie der Künste wurde die Authentizität des Kollwitz-Werkes durch einen von der Künstlerin „unautorisiertes Blow-Up“ in Frage gestellt. Die Vergrößerung der Skulptur von 38 Zentimeter Höhe auf 152 Zentimeter sei unakzeptabel, denn laut den Kritikern war es unmöglich, auf diese Weise die Originalaussage des Werkes beizubehalten. Die Bedeutung, die Kollwitz ihrem Werk gegeben hatte, würde dadurch deutlich abweichen und könnte, mit der jetzigen Größe, viel mehr als ein christliches Denkmal aufgefasst werden, wegen der Ähnlichkeiten mit der christlichen Pieta, die auch so groß ist. Allerdings kam keine Antwort von Seiten des Bundeskanzlers auf den offenen Brief, den die Akademie verfasste. Interessant ist auch, dass Kollwitz‘ Auffassung zu Ihrem Werk (die unter anderem aus ihren Tagebüchern hervorgeht) unterschiedlich interpretiert wurde; sowohl Befürworter als auch Kritiker entliehen Argumente aus den Tagebüchern. Man ist sich bis heute nicht einig darüber, ob Kollwitz mit einem denkmalgroßen Kunstwerk letztendlich zustimmen würde. 

 

von Karen Slieker

 

Literatur


Demps, Laurenz: Die Neue Wache. Vom königlichen Wachhaus zur zentralen Gedenkstätte. Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg 2011.


Koseleck, Reinhart: Stellen die Toten einen Termin? Die vorgesehene Gestaltung der Neuen Wache wird denen nicht gerecht, deren es zu gedenken gilt. In: Mahnmal Mitte. Hrsg. v. Michael Jeismann. Köln: DuMont 1999. S. 44-45.


Koselleck, Reinhart: Wer darf vergessen werden? Das Holocaust-Mahnmal hierarchisiert die Opfer. In: Die Zeit, 19.03.1998.


Moller, Sabine: Die Entkonkretisierung der NS-Herrschaft in der Ära Kohl. Hannover: Offizin Verlag 1998.