Gedankenmöglichkeit einer Trauernden und Künstlerin

 

Dort liegt er, Peter, mein Sohn. Ich halte ihn in den Armen. Doch er rutscht hindurch, fällt tief hinein in die Erde, wo ich ihn nicht mehr finden kann. Doch da ist keine Erde, nur Steinplatten, glatt und kalt. Der Raum, in dem ich hier stehe, ist ein hohler Kubus, leer und kalt. Einst war hier eine Wache der Lebenden, nun ist es eine Wache der Toten. Der Raum jedoch erinnert mehr an meine Gefühlslage als an das, was Peter oder jenen, die hier liegen ein Grab sein soll. Doch wir zwei bewegen uns ohnehin in keinem Raum. Und so ist er nur ein Ort für die blassen Gefühle der Übrigen, ein Ort, wo die Trauer atmet. Eine Wache der Trauer, des Gedenkens.

Aber bin das ich? Und ist das Peter? Es ist meine Skulptur, aber nicht mein Werk. Meine Hände spüren wieder, wie sie die Falten der Haut geformt haben, das Herz erinnert sich an den Schmerz, den es damals und heute in sich trägt. Es ist auch nicht mein Sohn. Ist es jemand anders? Sind es viele, die da in den Armen der gealterten Frau liegen, die sich womöglich Mutter nannte? Ich umkreise die Plastik, gehe Schritt für Schritt um sie herum und stehe wieder vor ihr, den Blick auf das Gesicht der Frau gerichtet, das meine Züge trägt und dennoch das jeder anderen Mutter ist.

Der Verlust wird wieder wach und ich möchte mich neben sie knien, die Last des toten Körpers mit ihr halten. Fühlen andere dies auch? Fühlen dies auch Menschen, die diesen Verlust gar nicht kennen? Und tun sie das auch noch heute – fast einhundert Jahre später –  wo auch ich längst Erde bin? Ich wünsche, sie werden nie diesen Verlust empfinden können. Ich will dies gar nicht positiv werten wollen, denn dies fühlen zu können, würde bedeuten, wieder solche Zeiten erleben zu müssen. Ich verstehe, dass Peter sein Opfer gab, aber keine Mutter sollte mehr ihren Sohn für diese hohe Sache namens Nation opfern müssen. Das muss vorbei sein.

Oder ist dieses Nicht-Gefühl, einen Sohn zu verlieren gar nicht nachempfindbar? Ist nicht jeder, der meint, einen zu verstehen, ein Heuchler? Und dennoch ist es meine Aufgabe als Künstlerin, das Innere nach außen zu stülpen. Mir wurde dieses Können gegeben, ich kann es tun, andere Mütter nicht. Dafür schaffe ich mein Werk und gebe es weiter. Zuerst als handwerkliche Form des Tagebuchs, das nur um meiner Willen entsteht, doch dann soll es auch eine Botschaft an die anderen sein. Eine Einladung des Mitfühlens und Bedenkens und des Hoffens auf das „Nie Wieder“. Kann es ein Kriegsdenkmal sein? Es sollte eins sein.

Mein Blick streift noch einmal über ihr Gesicht, bleibt für einen ganz kurzen Augenblick auf seinem Gesicht verharren, ihre Arme, ihre Hände, ihr Schoß, seine zarten Beine, hinunter zum Boden. Auf dem eingemeißelt: Für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Gewalt-Herrschaft, Gewalt und Herrschaft. Trifft das hier zu? Lebten wir in einer Gewaltherrschaft? Aber Peter war kein solches Opfer. Er gab ein Opfer. Die vielen anderen, die opferten sich nicht, die wurden nur von oben herab abgeschlachtet. Das kann doch niemand gleichsetzen. Und wie kann nun dieses demütige Paar von Mutter und Sohn die Geschehen aller Kriege in sich vereinen? Wie kann es die Trauer des Menschen um die getöteten Eltern, die getöteten Geschwister, des getöteten Ehegatten oder des getöteten kleinen Kindes umfassen, welche durch Bomben oder in der Gaskammer umkamen. Das kann doch niemand gleichsetzen. Ich will dies nicht tun.

 

Käthe Kollwitz

 

von Julia Schebesta