Das architektonische Meisterwerk

David Chipperfields Restauration des Neuen Museums in Berlin

 

Auf den ersten Blick fallen sie gar nicht auf. Versteckt und harmonisch sind sie in das Gesamtwerk des Gebäudes eingebunden. Als selbstverständlich fügen sie sich in die Architektur ein. Sie, das sind die Leerstellen in den Wandmalereien, die dunklen Abschnitte im Terrazzo und in den Säulen. Perfekt mit dem modernen Material Beton vereint, fristen sie ein Dasein in voller Akzeptanz.

Mit der Restauration des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel ist dem Architekten David Chipperfield etwas Einzigartiges gelungen. Anstatt das über einhundert Jahre alte, im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstörte Museum, originalgetreu wieder aufzubauen, hat er einen derart neuen Ansatz der Rekonstruktion gewählt, sodass das Museum selbst schon als Ausstellungsstück gelten kann. Alles, was noch ruinenhaft vom ursprünglichen Bau übrig geblieben war, hat Chipperfield bei seiner Arbeit erhalten und sich gegen eine Beseitigung der Schäden des Krieges entschieden. Die minimale Berührung aller Materialien diente lediglich dem Schutz vor weiterem Verfall. So wurden Einschusslöcher und zersprungener Putz in der Fassade ganz selbstverständlich mit neuem Material vereint. Ein Ensemble aus originaler, alter Bausubstanz und Beton schafft ein Gebäude, das die geschichtliche Vergangenheit, beginnend im 19. Jahrhundert, die Schäden zweier Weltkriege und die Spuren des Deutschland nach 1945 bis heute zeigt.

Entscheidet sich der Besucher für eine Architekturführung durch das Neue Museum, beginnt sein Rundgang im Griechischen Hof, der auch heute noch wie ein antikes Atrium anmutet. Allein die moderne Überdachung aus Glas nimmt ihm seine ursprüngliche Funktion als Aufenthaltsort im Freien. Der helle Beton der Wände wechselt sich ab mit der dunkleren Originalfassade, die ihre Geschichte nicht zu verstecken versucht. Risse und Löcher erzählen wie Narben von Krieg und Verfall.

Vom Innenhof geht es in die erste Etage. Meterhohe, dunkle Holztüren öffnen den Weg in die Ausstellungsräume des Museums und damit den Weg durch eine Geschichte von der Steinzeit bis zur Moderne. Dabei sind die Ausstellungsstücke nicht allein der Grund, weshalb das Museum einen Besuch lohnt. Denn das Gebäude selbst erzählt die spannendste Geschichte und fügt sich somit lückenlos in das Gesamtkonzept des Neuen Museums ein. Beide ermöglichen den Gang durch die Vor- und Frühgeschichte der Menschheit von Stein-, Bronze- und Eisenzeit über die ägyptische Geschichte zur griechischen und römischen Antike. An einem Ort komprimiert, zeugt jedes Detail von einer ungeheuren Wandlung, die der Mensch über Jahrtausende hinweg durchgemacht hat. Die Geschichte der Menschheit scheint in jedem Winkel des Gebäudes wieder aufzuleben.

Diese Lebendigkeit drückt auch die Architektur des Neuen Museums selbst aus. Ionische Säulen mit Volluten und Kanneluren sehen aus wie Relikte der Antike. Doch wer der Museumsführung aufmerksam folgt und genau hinschaut, erkennt, dass sie eine Zusammensetzung der Hände August Stülers und David Chipperfields sind: Dunkel gewordenes Material ist der originale Stein von der Erbauung durch Stüler im 19. Jahrhundert, die hellen Teilstücke stammen von Chipperfield und seinem Architekturteam. Ebenso verhält es sich mit dem roten Terrazzo, der den Bodenbelag der ersten und zweiten Etage des Museums bildet. Der durch die Witterungsverhältnisse dunkel gewordene Stein – das Museum war Regen, Schnee und Wind durch ein fehlendes Dach jahrelang schutzlos ausgeliefert – fügt sich lückenlos an den neuen, hellroten Boden und beide bilden ein harmonisches Ganzes.

Jene Harmonie lässt sich in jedem Bereich des Museums finden. Ein Blick an die Decke genügt, um auch hier das Zusammenspiel von alt und neu zu entdecken. Und wer sich die leuchtenden Wandmalereien anschaut, findet weniger als er vielleicht erwartet hätte. Denn neben dem zornigen germanischen Donnergott Thor, der über einer Tür über die Besucher zu wachen scheint, ist reine Leere. Das Gemälde ist teilweise zerstört und nicht restauriert worden. Darauf hat Chipperfield bewusst verzichtet, um seinem Konzept treu zu bleiben: Auch die fehlenden Dinge gehören zur Geschichte, erzählen sie doch selbst eine.

Die Führung geht durch das große Treppenhaus weiter in die zweite Etage. Bis auf die Originalsäulen und Teile der Wände, hat hier wenig den Krieg überlebt. So konnte Chipperfield die ursprüngliche Form des Treppenhauses mit viel neuem Material rekonstruieren. Eine Imitation der früheren Dekoration hat er auch hier vermieden. Lediglich die Offenheit dieses Raumes ist übernommen. Wer auf dem zweiten Absatz der Treppe steht, kann alle Etagen des Gebäudes auf einmal sehen. So steht der Besucher, von der Vergangenheit umhüllt, mit den Füßen im Jetzt. Zwischen glattem, hellem Beton und rauen Altersflecken der Wände. Er scheint zwischen zwei Teilen einer Geschichte zu stehen, die – optisch voneinander getrennt – doch zusammengehören. Gerade ihr Kontrast ist es, der zeigt, dass beide Teile nur miteinander funktionieren können.

Damit ist die Idee Chipperfields aufgegangen. Altes und Neues fügt sich nahtlos zusammen, alle Abschnitte der (menschlichen) Geschichte stehen für sich selbst und doch als ein gemeinsames Ganzes. Alles, was den Ereignissen der Geschichte standgehalten und jegliche äußeren Einflüsse überlebt hat, zeigt sich völlig unverfremdet. Das, was es nicht geschafft hat, der Zerstörung zu trotzen, ist durch Neues repräsentiert. Dabei wird das Verlorene nicht einfach ersetzt und vergessen, sondern gerade durch den Gegensatz von alt und neu besonders betont und in Erinnerung gerufen. Die Konzeption Chipperfields zeigt, wie Geschichte stattgefunden hat und noch immer stattfindet, ohne dabei Vergangenes unnötig zu kopieren. Der Architekt hat es geschafft, auf ganz besondere Weise das Vergangene im Neuen zu konservieren und jedem vor Augen zu führen. Damit hat er die architektonische Leistung Stülers nicht nur vor dem Verfall bewahrt, sondern macht aus ihr ein Denkmal und schafft gleichzeitig sein eigenes Meisterstück.

 

von Felicitas Bonk