Der Gigantenfries

 

„Rings um uns hoben sich die Leiber aus dem Stein, zusammengedrängt zu Gruppen, ineinander verschlungen oder zu Fragmenten zersprengt, mit einem Torso, einem aufgestützten Arm, einer geborstnen Hüfte, einem verschorften Brocken ihre Gestalt andeutend, sich deckend […]“ – Zuerst war ich wirklich sehr verwirrt, als ich anfing diesen Text von Peter Weiss zu lesen. Der Satz hört hier auch noch nicht auf, er geht endlos weiter. Aber fürs Erste soll dieser Ausschnitt genügen. Die erste Lektüre hinterließ bei mir ein großes Fragezeichen. Wer sollte verstehen, worum es hier ging? Ein Gigantenfries, über den ich noch nie zuvor etwas gehört hatte. Wer sind die drei Protagonisten, Heilmann, Coppi und der Ich-Erzähler? Und was haben sie mit dem Fries zu tun? Und dann auch noch die Zeit kurz vor dem 2. Weltkrieg? Wie können diese verschiedenen Ebenen und Aspekte zusammengebracht werden? Eine Frage nach der anderen stellte ich mir selbst. Und saß einfach da, ohne daraus schlau werden zu können.

Dann kam der Tag, an dem wir das Pergamon Museum betraten. Wir gingen in den großen Raum, der ringsherum vom Giganten Fries umschlossen wird. Und auf einmal ergibt alles einen Sinn.

Der Fries erfasst mich, zieht mich ein in einen Sog und ich kann gar nicht mehr aufhören, mich um mich selbst zu drehen, im Versuch jede einzelne, noch so kleine Stelle des Frieses zu sehen und in meinem fotografischen Gedächtnis abzuspeichern. Mein Gehirn rattert, meine Sinne erleben kurz einen Stillstand.

Jetzt verstehe ich, was Peter Weiss mit der Betrachtung von Unten bezweckt hat. Dafür einmal weiter zurück: Wenn man sich die Geschichtsschreibung ansieht, wird fast immer von den Siegern gesprochen; Helden, die nicht aufgaben und am Ende gewannen. Es ist selten aus der Perspektive der Verlierer die Rede. Aber genau das hat Peter Weiss bezweckt. Er hat sich nicht die Götter, kurz vor ihrem Sieg angeschaut, sondern eben die Giganten, kurz vor ihrem Untergang. Denn der Fries ist wie eine Momentaufnahme. Als hätten alle Figuren kurz vor dem Finale inne gehalten. Mimiken, Gesten, Körperhaltungen – alles verbunden in einem unfairen, schreckhaften Kampf. Körper, die ineinander fast schon verschlungen sind und sich gegeneinander auflehnen. Teile fehlen natürlich, schließlich ist der Fries schon jahrtausendealt, aber die muss man sich selber dazu denken. Und das funktioniert sogar erstaunlich klar, da die existierenden Teile eine gute Anregung dazu bieten. In dem Text "Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss identifizieren sich die drei Protagonisten mit den Giganten. Sie können genau mitfühlen, wie sie dem Untergang geweiht sind. Aber dennoch gibt es einen letzten Moment der Auflehnung, einen Funken Hoffnung, dass vielleicht doch nicht alles verloren ist, wie man zu glauben scheint. Was das uns zeigt ist, dass ein jahrtausendealter Fries die Möglichkeit eröffnet, eine Universalgeschichte zu erzählen. Die Szene des Frieses kann im übertragenen Sinne immer wieder in der Geschichte auf verschiedenste Kriege angewandt werden.

Daher ist es wirklich erstaunlich, was so eine Gigantomachie doch bewirken kann. Man stelle sich dafür nur in mitten des Geschehens und schon passiert es.

 

von Selin Icen