Der Pergamonaltar

 

Da erstreckt er sich. Der Fries des Pergamonaltars. Weit ragt er über jeden Besucher in die Höhe. Verwinkelt bleiben manche Teile verborgen; vollends gleich, wo man sich in dem Raum positioniert. Die Figuren zerren nach vorne. Das Relief erscheint verselbstständigt. Der Grund, die Halterungen verschwinden hinter den gigantischen Gestalten. Hellenistische Kunst von höchster Profession. Es ist ein atemberaubendes Bild. Wunderschön und dennoch grausam. Eine solche Schlacht, der ultimative Kampf zwischen Gut und Böse, wie dort dargestellt; würde sie zu einem Film der heutigen Zeit gehören, so wäre dieser gewiss erst ab 16 Jahren freigegeben. Beeindruckend ist es, wie der kopflose Zeus gegen drei Giganten kämpft und dabei die Oberhand behält. Er ragt über die niederknienden Giganten, reckt seine rechte, leere Hand nach oben, bereit zum vernichtenden Schlag. Jeder einzelne Muskel ist fein herausgearbeitet. Die Tücher, die als Kleidung fungieren, bewegen sich mit ihrem konstruierten Faltenschlag nahezu. Es ist beeindruckend, was Menschenhand einst erschaffen hat; doch ebenso ist es beklemmend, wenn man bedenkt, wie die Nationalsozialisten dieses Kunstwerk missbraucht haben. Für ihre Ideologie, gegen jede Menschenwürde. Wäre es anders gewesen, wenn der Sinn und Wille der Pergamener bekannt wäre, wenn man wüsste, aus welchem Grund sie diesen Fries, den gesamten Altar gebaut haben, was sie selbst darin gesehen haben? Und was wäre gewesen, wenn der Pergamonaltar schon früher entdeckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden wäre?

Hätten die Menschen zu Zeiten der Kreuzzüge ihren Papst in der mächtigen Gestalt des Zeus’ erkannt? Dort, wo die rechte Hand ein Nichts hält, die Ferula vermutend; die Heiden bekämpfend, die nicht anders können, als sich vor der Macht Gottes niederzustrecken. Vielleicht hätten sie in Polydeukes Richard Löwenherz gesehen, mit Schild und Schwert bewaffnet, gegen den bereits knienden und somit besiegten Saladin kämpfend.

Wie hätten die Franzosen während des Hundertjährigen Kriegs dieses Kunstwerk betrachtet? Wäre es die Jungfrau von Orleans gewesen, die den Platz von Athene eingenommen hätte? Stolz mit Schild und Kraft gegen einen dieser besitzergreifenden Engländer kämpfend, während Mutter Britannia zu ihren Füßen klagt und weint. Zudem beschützt von einem Engel Gottes, der einst die Siegesgöttin Nike gewesen war.

Und wie wäre es im Rahmen der spanischen Inquisition gewesen? Hätte Tomás de Torquemada den Platz von Apollon eingenommen? Aufrecht stehend, erhaben und rechtschaffen, auf brutale Art und Weise den Ketzer zu Boden tretend, der noch von der teuflischen Schlange rechts neben ihm Unterstützung erhofft. Ohne Zweifel vergebens.

Hätte Artemis für die personifizierte Freiheit, wie sie von Eugène Delacroix in seinem Gemälde "Die Freiheit führt das Volk", ihren Platz räumen müssen, als sich die Bürger während der Julirevolution von 1830 erhoben? Wie sie ihren Fuß auf den Körper eines Gefallenen stellt. Die Parallele zwischen Plastik und Gemälde ist nicht zu verleugnen. Oder hätte eben dieses Proletariat nur ein paar Jahre zuvor vielleicht Olympe de Gouges in der Artemisgestalt gesehen? Für die Rechte der Frauen kämpfend, wie es auch die männerhassende Artemis getan hatte.

Wie hätten die Bürger der Nordstaaten während des amerikanischen Bürgerkriegs auf den Fries des Pergamonaltars geblickt? Hätten sie in den nackten, niederen Kreaturen die Südstaatler erblickt, die aus dem Sinn für Gerechtigkeit heraus mit weniger dargestellt werden mussten als die bemitleidenswerten Sklaven, die unter ihrer Tyrannei zu leiden hatten?

Die Götter und Göttinnen reihen sich nebeneinander, bekämpfen die Giganten in einer einzigen, riesigen, alles entscheidenden Schlacht. In Berlin. Wäre er der ganzen Welt zugänglich, was hätte man schon alles gesehen? Der Sieg des Kommunismus über den Kapitalismus. Der Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus. Der Sieg über den Terrorismus. Die Unterdrückung des irakischen Volkes durch die U.S.-Amerikaner. Der unendliche Kampf zwischen Israelis und Palästinensern, je nach Blickwinkel in unterschiedlichen Rollen. Die chinesische Regierung, die jeden Aufrührer zum Schweigen bringt. Das große Europa, das die griechische Bevölkerung mit seiner Sparpolitik niederdrückt. Die Aufständigen des arabischen Frühlings, die es schaffen, die autoritären Regime niederzukämpfen.

 

von Lisa Hauschild