„form follows function“ – Gedanken zum Museum der Dinge

 

Unscheinbar, inmitten von Kreuzberg, versteckt sich das Museum der Dinge in einer alten Werkhalle. Seit den 1970er Jahren widmet sich das Werkbundarchiv Gegenständen des 20. und 21. Jahrhunderts, die im Rahmen der industriellen Massenproduktion entstanden sind. Aber auch Einzelstücke und individuell gestaltete Produkte zählen zu den Exponaten. Das Museum selbst ist eigentümlich aufgebaut. Es ist weder thematisch noch streng chronologisch geordnet, sondern besteht aus scheinbar willkürlich angeordneten Vitrinen und Ausstellungsebenen. Die Objekte dokumentieren die spannungsreichen Verhältnisse zwischen werkbundspezifischen Produkten und Massenware. Funktionale, puristische Objekte werden Kitschigem gegenübergestellt, Markennamen konkurrieren mit No-Name-Produkten. Vom Föhn über Bestecke, Spiele, Gasmasken und Stühle bis hin zu Handys, Computern und sogar einer ganzen Frankfurter Küche ist hier Materialkultur auf engstem Raum zu erleben – ein repräsentativer Querschnitt durch die Welt der Dinge, sowohl aus der Bundesrepublik Deutschland, als auch der DDR. In dieser Mannigfaltigkeit liegen das Erhabene und Lächerliche dicht nebeneinander. Vieles kennt man, manches benutzt man oder verbindet sogar Erinnerungen damit. Ein merkwürdiges Gefühl, diese alltäglichen Dinge in einem Museum zu sehen! So ist ein Rundgang durch das Museum eine vergnügliche, spannende Zeitreise in die deutsche Geschichte bekannter und unbekannter Alltagskultur. Ein tieferer, designhistorischer Zugang zu den Exponaten ist jedoch nur über eine Führung zu erlangen. Würde man sich als Besucher allein auf Entdeckungsreise durch die Welt des Museums begeben, blieben die erzeugten Spannungsfelder der Gegenstandsgruppen, die  Hinterfragung und Entfremdung von Ästhetik, aber auch die Intentionen der Werkbundväter im Verborgenen.

Im Bewusstsein der Bevölkerung ist der 1907 gegründete Werkbund mit seinen kulturellen Idealen praktisch unbekannt. War er früher eine namhafte Institution, die streng nach dem Prinzip form follows function strebte, so erscheint der Verein heutzutage nur noch als eine pluralistische Gesinnungsgemeinschaft. Er musste sich aber zwangsläufig der Gegenwart anpassen, da wir in einer vielfältigen Gesellschaft leben, die in ihren ästhetischen Äußerungen und Vorlieben nicht auf Praktikabilität, sondern auf Ausdruck setzt. Stil wird in unserer Gesellschaft zur Signatur der Persönlichkeit und in den vier Wänden inszeniert sie sich. Design ist damit heutzutage mehr als nur eine leicht realisierbare Möglichkeit der Unterscheidung. So gesehen bekommt Pluralität einen neuen Stellenwert und ist durchaus eine wichtige Komponente in unserer Gesellschaft.

 

von Sonja Röbig