Über Erinnerung reden

 

Ich sitze in einem Café in Windhoek und überlege, über was ich meinen Text für die Berlin-Homepage schreiben möchte. Was ist von der Exkursion im Gedächtnis geblieben? Ziemlich viel. Ich erzähle Lisa und Alex von meiner Ankunft in Berlin, vom Besuch im Pergamonmuseum, von meinem Referat auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Und vom Jüdischen Museum. Von der Ausstellung in den oberen Räumen, die die Geschichte des Judentums bis zum NS Regime rekonstruiert, und von der Architekturführung.

Ich erinnere mich an meinen Besuch zurück:

Es ist kalt, bedrohlich, abweisend. Die Achsen der Kontinuität, der Emigration, des Holocaust. „Zwischen den Zeilen“, erzählen sie also eine Geschichte. Diese eine Geschichte. Unebene Wege, ich wanke durch die Räume, weiß nicht wohin und werde in einen Turm geführt. Enge, Dunkelheit und Beklemmung empfangen mich hier. Kein Ausweg aus den spitzen Ecken. Viele Menschen um mich herum, ich stoße mich an ihnen. Wohin jetzt? Ins Licht! Geht nicht. Ich kann nur erahnen, was hinter der kleinen Öffnung unter der Decke wartet. Vermutlich nichts. Ich komme nicht dran, es ist unnahbar, ich wie verloren. Der Weg, aus dem ich gekommen bin, steht offen. Ich bin geblendet vom Licht. Mit verkniffenen Augen stolpere ich zurück in die Flure und lande im Garten des Exils. Da habe ich Luft, kann atmen, bin dennoch wackelig auf den Beinen, kann nicht weit sehen, habe keine Aussicht. Ich bin draußen, weg, aber fremd und unsicher, ver(w)irrt. Ich suche den Weg zurück und finde ihn.

Ich kann hier raus, muss nicht hier bleiben, sondern kann einfach gehen, wohin ich will. Muss mich dieser Beengtheit nicht aussetzen. Andere hatten nicht die Wahl. Sind auch auf wackeligen Beinen gelaufen, aber nicht, weil die Architektur es so beabsichtigt hat, sondern weil sie von Angst getrieben auf der Flucht waren. Und was hat sie im Exil erwartet? Wieder Unsicherheit, das Gefühl unerwünscht zu sein, Fremdheit, Angst entdeckt zu werden.

Alex: Ich habe eine Weile in Jerusalem gelebt und im Kibbuz gearbeitet. Ich fühle mich all dem sehr verbunden. Ich war in einer Gedenkstätte in Israel, in einem Raum, in dem die Namen der gestorbenen Menschen vorgelesen wurden. Alle nacheinander, ganz monoton. Ich kenne diese Leute nicht, aber das hat mich so gefesselt und ich war wie benommen.

Ich: Mir ging es ähnlich. Die Ausstellung im Museum war gut. Viele der geschichtlichen Fakten sind einem natürlich bekannt. Aber durch die unterirdischen Achsen, durch den unsicheren Stand, diese klaustrophobischen Gänge, bekommt man eine Ahnung davon, wie es gewesen sein muss, sich nicht auf sicherem Boden zu bewegen, unter Beobachtung zu leben und verfolgt zu sein.

Lisa: Ich war mit meiner Oma als Kind im KZ Sachsenhausen. Wir konnten dort in eine Bracke gehen und uns die Räume ansehen: Unmengen an ungemütlichen Doppelbetten. Dann das Badenzimmer, was kein Badezimmer war. Sanitäre Anlagen, einfach Löcher im Boden. Aus den Lautsprechern konnte man eine Stimme hören, eine Tonaufnahme von einem Aufseher, der zur Eile ermahnt und die Menschen antreibt. Das war beängstigen. Ich war viel zu jung dafür. Dann konnte ich eine Messlatte sehen. Ihr kennt diese Zentimetermaße, an denen man die Körpergröße ablesen kann. Dahinter befand sich eine Schießscharte, ein Loch, durch das man dem davor sitzenden ins Genick schießen konnte. Das wurde während des Regimes als medizinische Untersuchung vorgetäuscht, um die Menschen in Ruhe von hinten zu erschießen.

Ich: Am Ende stand ich vor einer Installation, einem Meer voller Gesichter. Hunderte Eisenplatten mit ausgestanzten Augen und Mündern. Diese Installation ist begehbar, ich habe gestockt, wollte nicht darauf gehen. Ein paar Leute sind darauf gelaufen. Die Eisenplatten rieben und stießen aneinander, es war laut, hat in dem hohen Raum gehallt, wie Schreie. Ich habe den anderen zugeschaut. Die Meisten waren sehr zögerlich.

Alex: Für mich ist die Vorstellung total komisch, dass es bald keine lebenden Zeitzeugen mehr geben wird. Die Erinnerung an den Holocaust wird dann nur noch durch Unterricht und Gedenkstätten stattfinden. Jeder hat eine Assoziation mit dem Holocaust.

Ich: Jeder hat eine Erinnerung daran, auch wenn er es nicht erlebt hat, durch Erzählungen, Medien, Lehre, was auch immer.

Lisa: Das ist doch gerade total interessant.

Alex: Schreib doch darüber in deinem Text.

 

von Margaux Metze