Architekturführungen


Museen sind Räume der kollektiven Erinnerung. Diese kollektive Erinnerung wird aber nicht nur durch eine gemeinsame Beschäftigung mit den Ausstellungsstücken geschaffen; auch dem Museumsgebäude selbst, genauer gesagt: dessen Architektur, kommt eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu.

Wenn wir ein Museum betreten, hat das sofort Auswirkungen auf unser Befinden. Wir fühlen uns und unsere Umgebung auf eine bestimmte Art und Weise, auch wenn wir diese Gefühle oft nur unreflektiert wahrnehmen. Natürlich hat jeder Raum einen Einfluss auf unser Empfinden. Das Gefühl ist ein unterschiedliches, je nachdem, ob wir beispielsweise im Wald spazierengehen, in der Straßenbahn sitzen oder uns in den eigenen vier Wänden befinden.

Durch die Architektur eines Museumsgebäudes versucht der Architekt ganz bestimmte Emotionen und Gedanken der Besucher anzuregen. Wir sollen in einen ungewohnten emotionalen Zustand geraten, so dass wir einen besonderen Blick auf das, was uns in der Ausstellung präsentiert wird, gewinnen. Wir entwickeln unweigerlich einen persönlicheren Bezug zu den Inhalten, weil wir ihnen nicht emotional nüchtern begegnen können. Denn der Raum zwingt uns immer schon, eine (emotionale) Haltung einzunehmen, er lässt uns keine Wahl. So wird eine Rezeptionssituation geschaffen, in der wir berührt werden und die keine Haltung der Gleichgültigkeit zulässt. Die Architektur eines Museums versucht uns in eine bestimmte Rezeptionsatmosphäre zu versetzen, die unsere Wahrnehmung verändert und so für uns Erkenntnisgewinne, in Bezug auf die Ausstellungsstücke bereithält, die wir andernfalls nicht gehabt oder zumindest nicht in dieser Intensität erlebt hätten.

Eine Architekturführung jedoch ermöglicht, sich die durch den Raum ausgelöste eigene emotionale Verfassung bewusst und verständlich zu machen. Denn durch eine solche Führung wird unsere Aufmerksamkeit auf konkrete Elemente, Formen und Farben des Gebäudes gelenkt, deren Zusammenspiel wir in ihrer Wirkung dann auf uns beziehen können. Wir werden auf Details aufmerksam gemacht, die wir vorher in ihrer Eigentümlichkeit gar nicht bemerkt hatten, entwickeln daraufhin Gefühle und Gedanken, derer wir uns in diesen Momenten dann ganz bewusst sind und nehmen dadurch sowohl das Gebäude als auch die Ausstellungsinhalte wieder auf eine neue Weise wahr.

Gelungene Architektur funktioniert auf der emotionalen Ebene auch ohne Führung. Aber eine Architekturführung hält die Möglichkeit bereit, unseren Aufmerksamkeitsfokus von den präsentierten Ausstellungsinhalten etwas lösen zu können, nochmal einen Schritt zurückzutreten und das Gebäude, das den Erinnerungsrahmen vorgibt, in seinem Zusammenspiel und möglichen Widersprüchen und Spannungen in sich selbst und in Bezug auf die Ausstellung zu begreifen. Dadurch, dass wir unsere Gefühle mit Informationen und Reflexionen über den Raum verbinden, erschließen sich uns immer auch weitere Wahrnehmungs- und Deutungsebenen.

Zudem wird das Museumsgebäude durch eine Architekturführung nicht nur formal als der Rahmen verstanden, innerhalb dessen kollektive Erinnerung stattfinden kann. Denn durch die uns näher gebrachten Hintergründe über die Entstehungsgeschichte des Gebäudes und seine Veränderungen im Laufe der Zeit, eine Einordnung des Baus in die Stadtgeschichte mit seinen Bewohnern und durch Informationen über den Architekten, dessen Herangehensweise und Intentionen, wird das Gebäude selbst als Träger von Geschichte erfahrbar. Wir bekommen einen schärferen Blick für die einzelnen Fragmente, aus denen das Gebäude besteht und die es im Detail zu entdecken, zu interpretieren und zusammenzusetzen gilt. Denn eben erst durch unsere Gedanken werden all die Fragmente zu Geschichts- und Erinnerungsfragmenten. Und nur so wird das Gebäude nicht nur als Form, sondern auch als Inhalt erlebbar, der sich in einem stetigen Wandel befindet. Durch eine Architekturführung wird dem Besucher das Museumsgebäude als eine Art Palimpsest präsentiert, dessen Geschichte, Veränderungen und Umdeutungen am Gebäude selbst – mal offensichtlich, mal viel subtiler und versteckter – abgelesen werden können.

 

von Lisa Weinsheimer

 

Quelle

Aleida Assmann: Geschichte findet Stadt. In: Moritz Csáky/Christoph Leitgeb (Hg.):

Kommunikation-Gedächtnis-Raum. Kulturwissenschaften nach dem 'Spatial Turn'. Bielefeld 2009, S. 13-27.