Erinnerungskultur, was ist das eigentlich?

 

Erinnerungskultur, was ist das eigentlich? Prinzipiell sollte zunächst einmal zwischen subjektivem und kollektivem Erinnern unterschieden werden. Subjektive Erinnerungskultur beschränkt sich zumeist auf einen eher privaten Rahmen und äußert sich in Formen von Ahnengedenken, Fotoalben oder der Konservierung persönlicher Gegenstände, weshalb sie weniger Bezug zu historischer Chronologie besitzt als die kollektive Erinnerungskultur; jene weist einen stärkeren Historizitätsbezug auf und findet eher im öffentlichen Rahmen statt. Hiermit einhergehend ist oftmals auch eine Errichtung und Etablierung von Kulturgütern oder kulturellen Denkmälern. Aber wieso ist es überhaupt wichtig, sich zu erinnern? Die Tendenz bzw. der innere Drang, gegen das Vergessen und das Vergessenwerden anzukämpfen, ist wohl seit jeher tief im Urwesen des Menschen verwurzelt, ist Teil unserer Natur. Da der Mensch sich als einziges Wesen auf der Erde seiner eigenen Sterblichkeit bewusst ist und sich als Entität in der Zeit begreift, welche eine eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft besitzt, kann die Zurwehrsetzung gegen das Vergessen immer auch als ein Kampf gegen die eigene Sterblichkeit angesehen werden. Alles, was dem Menschen – bezogen auf seine Natur – inhärent ist, ist auch dafür prädestiniert, früher oder später in den kulturellen Habitus einzufließen. So ist der Ursprung im “Kampf“ gegen das Vergessen und damit auch der Ursprung der vielleicht frühesten, in jedem Fall jedoch grundlegendsten und beständigsten Form des Gedenkens in der Grabkultur zu sehen. Schon im alten Ägypten wurden zum Gedenken an die großen Herrscher jener Zeiten Pharaonengräber errichtet, welche selbst die Jahrhunderte überdauert haben und uns auch heute noch an die damals lebenden, wichtigen Persönlichkeiten erinnern. Ist die These also haltbar, dass im Menschen selbst ein innerer Drang vorhanden sein muss, der so etwas wie einem ureigenen Trieb gleichkommt und darauf abzielt, Menschen, Dinge und auch Objekte vor dem Vergessenwerden zu bewahren? Und inwiefern lässt sich dies dann mit gängigen Definitionen von Erinnerungskultur vereinbaren oder sogar belegen? Wie viele berühmte Persönlichkeiten kennt man, die durch ihre Memoiren, Veröffentlichungen oder sonstige schriftliche Fixierungen dem Bestreben nachgegangen sind, ihre eigene Person und ihr individuelles, geistiges Eigentum für die Nachwelt zu bewahren? Unzählige  und viele von ihnen haben dieses Ziel auch erreicht. Von der Antike bis zur heutigen Zeit, von Aristoteles und Platon über Goethe, Gandhi und Brecht bis hin zu dem jüngst verstorbenen Loriot lassen sich mannigfaltige Beispiele anführen, wie Individuen bereits zu Lebzeiten durch ihre Taten und ihr Wesen dem Vergessenwerden nach dem Tode vorgebeugt haben. Jedoch lassen sich Entwürfe des Selbst nicht nur an solchen Stellen ausmachen, an denen ein Individuum über sich selbst schreibt oder spricht, oder über es geschrieben oder gesprochen wird. Wenngleich die Schrift sich im Laufe der Zeit einen Platz ganz oben auf der Liste der besten und dauerhaftesten Tradierungsmöglichkeiten – und somit auch der Möglichkeiten des Erinnerns – gesichert  hat, lassen sich auch jenseits der schriftlichen Narrative in der Materialität der Dinge, sprich in spezifischen Verwendungsweisen von Gegenständen und im Verhältnis von Menschen zu bestimmten Objekten, solche Entwürfe und Versuche ausmachen. Entscheidend ist also auch die Materialität der Dinge, welche zu einer Formung der Entwürfe des Selbst beiträgt, da Medien als Speicher für Informationen – beispielsweise Grabsteine oder Denkmäler – fungieren, und auch wenn sie nur als handfester Ausschnitt aus einem größeren memorativen Gesamtkomplex anzusehen sein mögen, räumliche und zeitliche Distanzen überbrücken können. Eine materielle Kultur inhäriert sichtbare und greifbare Dinge, und weil Objekte eine vermittelnde Funktion zwischen Individuum und Kultur besitzen, werden durch sie eine Kultur und damit Formen kulturellen Gedenkens immer auch mitgestaltet.

Gerade in der Bundeshauptstadt Berlin lassen sich, abgesehen von den wohl offensichtlichsten und prestigeträchtigsten Kulturdenkmälern im Kontext des Nationalsozialismus und der Opfer des Holocaust, noch viele andere Beispiele insbesondere des öffentlichen, kollektiven kulturellen Gedenkens finden. In diesen Kontext gehören auch die Kategorien der Konservierung, Rekonstruktion und Restauration historischer Objekte. Nicht umsonst kann die Stadt auch als kulturelles Archiv angesehen werden, in welchem sich diverse Facetten der Erinnerungskultur manifestieren. Das Neue Museum in Berlin beispielsweise zielt an einigen Stellen auf eine Objektbewahrung und Rekonstruktion des historischen Originalzustandes ab. So wurde ein Teil der Wände im Originalzustand belassen, sodass Putz und Wandbeschaffenheit die deutlichen Spuren der Zerstörung, durch einen im Februar 1945 erfolgten Bombenangriff, noch immer präsent halten. Einige vor dem Bombenfall bereits entnommene Bauteile wurden beim Wiederaufbau erneut an ihrem ursprünglichen Platz verbaut. Ein weiteres Beispiel dafür, wie die materielle Kultur mit kollektivem Gedenken korrelieren kann, bieten die Brecht-Weigel-Gedenkstätte und der angrenzende Dorotheenstädtische Friedhof. Nicht nur, dass auf diesem Friedhof viele bekannte Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben und somit denjenigen, die ihrer gedenken wollen, ein konkreter Ort des Gedenkens offeriert wird; auch das auf dem Gelände befindliche Haus, als letzte Wohnstätte Bertholt Brechts, ist, samt des Mobiliars, in seinem Originalzustand belassen worden. 

So wie im privaten Rahmen Familien die persönlichen Gegenstände ihrer Verstorbenen aufbewahren, wird hier ein Eintauchen in die (Wohn-)Welt Brechts allein schon durch die Tatsache ermöglicht, dass das Bett, in welchem er geschlafen, der Schreibtisch, an welchem er seine Gedanken zu Papier gebracht und der Stuhl, auf welchem er gesessen hat, materiell präsent sind und damit eine ganz persönliche, der Öffentlichkeit zugängliche und damit für die kollektive kulturelle Erinnerung wichtige Form des Gedenkens möglich gemacht wird. Doch gleich, welche Form des Erinnerns und Gedenkens praktiziert wird – von einer bestimmten Gesellschaftsgruppe, einzelnen Individuen, im kollektiven oder subjektiven Rahmen – bei der Erinnerungskultur handelt es sich um eine Verantwortung, die sich aus der Vergangenheit ergibt und nicht nur historische Kategorien, sondern auch unser eigenes (Fort-)Leben betrifft.

 

Literatur

 

Richter, Isabel: Der phantasierte Tod. Bilder und Vorstellungen vom Lebensende im 19. Jahrhundert. Frankfurt/New York: Campus Verlag, 2011.

 

von Sophie Höfels