Berlin-Exkursion 2013: Nichts als ein Rückblick

 

Ich möchte mit den Gedanken Uwe Johnsons einsetzen, der in seinem Essay „Berliner Stadtbahn“ nicht nur wesentliche poetologische Problemstellungen anspricht, sondern auch den Kern unserer Berlin-Exkursion treffend zusammenfasst. So beschreibt Johnson in seinem 1961 verfassten Essay die Ruinen im Nachkriegsberlin als Beispiel für die Dialektik zwischen Tiefe und Oberfläche. Optisch wahrnehmbar sind die zerstörten Häuser, Trümmer und Gesteinsbrocken. Hinter diesen Ruinen, verborgen und optisch nicht zu erkennen, steht eine Geschichte von vielen Jahren. Denn die Ruinen sind erst durch den Krieg zu dem geworden, was sie jetzt sind. Sie haben eine Vorgeschichte, die Spuren hinterließ. Somit dokumentieren die Trümmer Geschichte im Prozess – enthalten die Zeit vor dem Krieg, zeigen den Krieg und symbolisieren das damalige Nachkriegsberlin. Sie stellen aber auch Fragen: Wer ist schuld am Krieg? Wie verhält es sich mit den nachfolgenden Generationen? Tragen auch sie Mitschuld an der jetzigen Lage?

Es ist eigentlich ganz klar – wir leben nicht im geschichtsleeren Raum. Die Welt ist nicht exklusiv und wurde nicht nur für uns gemacht, sondern ist im ständigen Wandel. Jede Generation selektiert, verändert und modelliert ihre Umwelt. Und auch wir selektieren, verändern und modellieren. Und somit bestehen unsere Welt und unser Erleben immer aus vielen Einflüssen und Erfahrungen. Ein Gebäude ist also nicht nur ein Gebäude, sondern immer auch ein Konglomerat verschiedenster zeitgeschichtlicher Prozesse. So einfach dieser Gedankengang auch klingen mag, so wenig war er aber zumindest in meinem alltäglichen Denken und Empfinden präsent.

Jahre des Krieges hatten Spuren hinterlassen und den klassizistischen Museumsbau größtenteils zerstört. An diesem Punkt setzte der britische Architekt David Chipperfield an und einwickelte ein Restaurationsmodell, welches moderne und ursprüngliche Architektur des Museumsbaus vereinbarte. Chipperfield ging es darum, Originalteile genauso wie Kriegsschäden (Einschusslöcher etc.) zu erhalten; vollständig zerstörte Gebäudeteile ersetze er durch moderne Elemente. Bei einem Gang durch das Museum ist heute genau zu erkennen, bei welchen Gebäudeteilen es sich um Originale handelt und welche rekonstruiert wurden. Neue Marmorböden sind beispielsweise dunkler als die originalen Marmorböden. Das „Neue Museum“ in Berlin macht also nicht nur anhand der Exponate Geschichte sichtbar, sondern symbolisiert bereits in seiner Architektur den historischen Wandel von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Um noch einmal auf Johnson zurückzukommen: den Unterschied zwischen Oberfläche und Tiefe, den Johnson in seinen Ruinen sieht, macht auch die Architektur des „Neuen Museums“ noch einmal sehr deutlich, wird diese doch jeder seiner durchlebten geschichtlichen Phasen architektonisch gerecht.

Die Wirkung der Architektur Chipperfields ist vor allem in der Authentizität der Bausubstanz und in der gelungenen Mischung der verschiedenen Stile zu suchen. Auch im „Jüdischen Museum“ ist eine solche Stilmischung zu finden. Dem 1735 erbauten barocken Altbau schließt sich ein 1999 eröffneter Neubau an. Der Architekt Daniel Libeskind hat in diesem Neubau ein architektonisches Modell geschaffen, welches hauptsächlich ohne originale Bausubstanz auskommt und dennoch Geschichte und auch geschichtliche Leerstellen sehr plastisch darstellt. Eine zickzack-förmige Linie bildet den Grundriss des Museums. Dieser Grundriss wird durch eine zweite, geradlinig-verlaufende Linie mehrfach durchkreuzt, wodurch sich diverse Leerräume, sog. Voids, bilden, die sich über die gesamte Höhe des Gebäudes erstrecken. Die Voids sind unklimatisiert, bestehen aus nacktem Beton und sind unbeleuchtet. Und gerade in diesem Minimalismus liegt die Wirkung, denn so kalt und brutal beispielsweise der Holocaust-Turm wirkt, er steht stellvertretend für eine der kältesten und brutalsten Episoden deutscher Geschichte. Und so wird auch dem Besucher schnell die Perspektivlosigkeit und Grausamkeit des Holocaust körperlich bewusst. Denn wenn die schwere Metalltür ins Schloss fällt und den Turm damit vom Alltagsgeschäft des Museums abschließt, ist der Besucher auf sich gestellt. Er muss die Stille ertragen und auch den Anblick des unendlich fernen und kleinen Lichtstrahls ganz oben im Eck des Turms. Und jede Bemühung, näher zu diesem Licht zu gelangen, ist zum Scheitern verurteilt, verengen sich doch die Wände immer weiter, sodass sich der Besucher schlussendlich meterweit vom Licht entfernt und eingepfercht in der Spitze des Turms wiederfinden muss. Der Holocaust-Turm und die anderen Voids im „Jüdischen Museum“ sind Installationen, die nicht im entferntesten das darstellen können, was die Nazis im Holocaust verbrochen haben – und dennoch wirken sie. Und diese Wirkung liegt gerade im Anspruch, nicht authentisch zu sein. Was sie dem Besucher vermitteln, ist nichts als Emotion, ist ein Gefühl der Beklemmung, welche zumindest auf mich so eindringlich wirkt, dass sich die Frage nach Authentizität überhaupt nicht stellt.

Und so stehen sich zwei architektonische Konzepte von Museumsbauten gegenüber. Auf der einen Seite das „Neue Museum“, welches Geschichte im Raum durch die Integration originaler Bausubstanz mit der Rekonstruktion und moderner Architektur vermittelt. Libeskind hingegen verzichtet im „Jüdischen Museum“ ganz offensiv auf die Authentizität originaler Teile und vermittelt dadurch ein Gefühl, was aber nicht minder Wirkung erzielt.

Beide Museumsbauten haben eins gemein: Sie übersteigen die ursprüngliche Museumsbedeutung für mich um ein Vielfaches und stehen für ein anderes Konzept von musealem Erinnern. Nicht das bloße Betrachten von Exponaten steht im Vordergrund, sondern vielmehr ein Erinnern mit allen Sinnen. Denn sie werden in ihrer Architektur dem Gedanken gerecht, dass Geschichte ein Prozess ist, der Orte durchzieht, Spuren hinterlässt, sie wieder verwischt oder neu überschreibt. 

 

von Gesa Fernholz

 

Literatur

 

Neues Museum: Spiegel Online: „Chipperfield-Umbau: Berlin startet in neue Museums-Ära“

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/chipperfield-umbau-berlin-startet-in-neue-museums-aera-a-655411.html

 

Jüdisches Museum in Berlin: http://www.jmberlin.de/

 

Johnson, Uwe: Berliner Stadtbahn. In: Berliner Sachen. Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1975. S. 7-21.